Montag, 18. April 2016

Dimensionen von Geschichte

ein Diskussionsangebot

von Bernd Rump

I. Ist Pegida die Antwort auf unerfüllte Glücksversprechen des Herbstes 1989?

Sicher hat das Glücksversprechen mehr als nur Risse. Um so wichtiger ist die Frage, ob sich die Menschen auseinanderdividieren lassen oder ihre Menschlichkeit behaupten. Da geht es nicht mal einfach um links oder rechts, es geht um die Humanität schlechthin.
Dass das Zeitalter der Vorherrschaft der Weißen, Europäer – wie man es auch immer nennen will zu Ende geht und damit wieder einmal in der Geschichte ein “Goldenes Zeitalter” dahin schwindet, ist kaum zu übersehen. Und dass mit dem Fall der Mauer eben mehr einstürzte als ein marodes politisches System dämmert vielen inzwischen auch. Und wenn die “Verdammten der Erde” wie sie Franz Fanon vor einem halben Jahrhundert nannte, nun sich tatsächlich aufmachen, dann war das schon lange nur eine Frage der Zeit, die der Weltgeist eben nicht in Jährchen misst. Und nun ist die Frage nicht, ab wir dagegen oder dafür sein sollen – das überlasse ich gern den Moralisten usw. - sondern die Frage ist, wie wir mit diesem “Naturprozess” zurecht kommen.
Und so kritisiere ich an Frau Merkel nicht ihr “wir schaffen das”, im Gegenteil, ich sehe ja gar keine vernünftige Alternative dazu, sondern die Halbherzigkeit, Planlosigkeit, Konzeptionslosigkeit usw., mit der eine solche völlig neue und historisch einmalige Aufgabe nicht gelöst werden kann. Aber da liefert weder die AFD etwas, und leider auch die LINKE nicht viel.
Denn auch die Linke hat die Dimension nicht annähernd verstanden. Und sie versteht deshalb auch nicht, dass sie dabei ganz vorn stehen müsste bei der Verteidigung der Menschenrechte nach allen Seiten. Und: so setze ich bewusst hinzu: sie müsste sich auch einmal wieder ihres im Grunde atheistischen Charakters erinnern. Das ist ein eigenes Thema im Thema – aber ich würde meine Genossen gern einmal erinnern, dass Marx und Engels mit der Religionskritik begannen, und das nicht zufällig. Der Marxsche Imperativ ist natürlich nicht mit dem Weltbild des Islam kompatibel. Der geistige Zustand der Linken ist hingegen vormarxistisch.
Das wäre eins der wichtigen Themen, über die jede halbwegs intakte Parteiorganisation (gäbe es sie denn noch) nachdenken müsste ...
Dass der “kleine Mann” glaubt, man könnte die Geschichte wieder anhalten und mit Demos usw. den Zustand wieder herstellen, der vor 26 Jahren mittels Demos aus der Welt geschafft wurde, ist eine der Treppenwitze, die Geschichte manchmal macht. Die Geschichte kann wohl ab und zu angehalten werden – von 1945 bis 1989 war dies wohl der Fall, aber umso stärker setzt sich dann ihre Dynamik durch und holt in der halben Zeit das ganze Versäumte nach.
Ich sehe auf den beiden Seiten des politischen Spektrums Nostalgie und Sentimentalität – wobei mir natürlich die der Linken viel näher liegt, auf der Seite der Rechten wird es kreuzgefährlich, auch wenn mir schon lange klar ist, dass eine rechtspopulistische Partei auch in Deutschland auf der Tagesordnung steht. Allerdings sind solche Versuche bisher immer ins faschistische, die NS-Zeit verharmlosende oder gar bejahende abgeglitten und damit versandet. Hoffen wir, dass es mit der AFD genauso geht – eine Garantie aber gibt es dafür nicht. Und sollte Frau Petri das Format einer Marine Le Pen gewinnen, dann sprengt sie das Parteienspektrum nachhaltig.
Die politische Krise wird dann deutlicher und die Versuche, dass jeder retten will was er kann, werden zunehmen. Aber das ist schon ein anderes Thema und ich kann nur hoffen, dass die Linke begreift, dass ein politisch zerfallendes Europa den Absturz einleiten würde. Ob die Linke das begreifen kann ist eine andere Frage. Das Dumme ist, dass ja jede Abweichung von den ungeschriebenen linken Dogmen sofort bestraft wird. Sarah Wagenknechts Satz zum Gaststatus der Asylbewerber und das darauf folgende innerparteiliche Echo ist nur ein Beispiel dafür.
Das ist jetzt keine Antwort auf all die Fragen, die die AfD gegenwärtig auf so überaus gewinnende Weise, viel gewinnender als jede, wirklich jede andere Partei sehr einfach und schlicht – und für schlichte Gemüter vollauf überzeugend - beantwortet, das ist nur ein Anfang.

II. Wie anfangen?

Ich beginne mit zwei Büchern, die in den 90zigern erschienen sind und die m.E. nach gegensätzlicher nicht sein können und doch etwas gemeinsames, aber verborgenes haben. Ich zitiere die Inhalte dieser um der Kürze und Einfachheit halber aus der Wikipedia.
Der Begriff "Ende der Geschichte" (engl.: End of History) wurde vom Politikwissenschaftler Francis Fukuyama durch einen Artikel und ein Buch mit diesem Titel (The End of History and the Last Man, 1992) popularisiert und führte zu Kontroversen bis in die Leitartikel diverser Zeitungen. Fukuyama wiederholt insbesondere Gedanken, die Alexandre Kojève in den 1930er und 40er Jahren formuliert hatte. Dieser legte eine sehr eigenwillige, in Frankreich aber epochale Hegeldeutung vor. Hegels Geschichtsphilosophie führt tatsächlich zu einem Ende im Sinne einer letzten Synthese, wenn es keine weltpolitischen Widersprüche mehr gibt.
Fukuyama vertrat die These, dass sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR und der von ihr abhängigen sozialistischen Staaten bald die Prinzipien des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft endgültig und überall durchsetzen würden. Die Demokratie habe sich deshalb als Ordnungsmodell durchgesetzt, weil sie das menschliche Bedürfnis nach sozialer Anerkennung relativ gesehen besser befriedige als alle anderen Systeme. Mit dem Sieg dieses Modells ende der Kampf um Anerkennung und es entfalle das Antriebsmoment der Geschichte“.
„Kampf der Kulturen" ist ein politikwissenschaftliches Buch von Samuel Huntington, das den Untertitel "Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert" hat.
Das amerikanische Original erschien 1996 als The Clash of Civilizations und war die Erweiterung eines gleichnamigen Artikels (der aber mit einem Fragezeichen versehen war), den Huntington 1993 in der Zeitschrift Foreign Affairs veröffentlicht hatte. Das Buch enthält die Hypothese, dass es im 21. Jahrhundert zu Konflikten zwischen verschiedenen Kulturräumen, insbesondere der westlichen Zivilisation mit dem chinesischen und dem islamischen Kulturraum, kommen könnte. Das Buch wurde vielfach aufgelegt und übersetzt, führte zu kontroversen Diskussionen und wurde von Politikwissenschaftlern von Beginn an heftig kritisiert.

Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes sei die Weltpolitik multipolar und multikulturell geworden, nicht mehr Ideologien sondern Kulturen bestimmten die Weltordnung. Der Westen müsse, um neue weltweite Konflikte zu vermeiden, auch andere kulturelle Wertvorstellungen berücksichtigen. Es sei ein Irrtum, Modernisierung mit westlicher Kultur oder Verwestlichung gleichzusetzen. Die Werte des Westens würden in anderen Kulturkreisen nicht als universelle Werte anerkannt. Im Buch heißt es dazu: „Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion (zu der sich nur wenige Angehörige anderer Kulturen bekehrten), sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.
Huntington prognostiziert, dass die Macht des Westens „verblassen“ wird und nichtwestliche Kulturen im Rahmen einer Indigenisierung wieder aufleben. Der Westen werde bis in die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts hinein der mächtigste Kulturkreis bleiben und danach auf einzelnen Gebieten, wie Wissenschaft und Forschung sowie technologische Entwicklung eine führende Rolle haben. Die Kontrolle über andere Machtressourcen werde jedoch zunehmend auf die Kernstaaten nichtwestlicher Kulturkreise übergehen.“
Was beiden Büchern gemeinsam ist? Nun: beide prognostizieren ein Ende: Ein Ende der Geschichte bzw. ein Ende der Vorherrschaft des Westens. Vielleicht, so sage ich, ist es das Gleiche....Was in beiden Büchern nicht prophezeit wird: ein Ende des Kapitalismus.
Worum geht es also. Um das Ende der Neuzeit: Und wann begann diese? 1492.

III Kolumbus 1. Reise : der 3. August 1492.

Quelle: Wikipedia
In der Folge verschob sich der Mittelpunkt der Welt. Europa geriet vom Rand ins Zentrum. Erst an die
Bis dahin lag der Mittelpunkt der Welt seit dem Jahr 476, dem Ende des Weströmischen Reiches im Osten. Seit Tausend Jahren, gemessen vom Jahr 1492.
Die Neue Zeit begann und ihr Erfolg fußt auf der Ausbeutung eines gesamten Doppelkontinenten. Und darauf, das gewissermaßen zufällig, das eigentliche Reich der Mitte den Platz geräumt hatte. Noch vor kurzem hatte die Schiffe des Admiral Zeng He den indischen Ocean und den Südpazifik beherrscht, aber das hatte sich nach Ansicht der Mingkaiser nicht weiter gelohnt. China hatte alles selbst: auch die besseren Waffen. 1370 erschien das erste Buch über moderne Schusswaffen: in China. Aber es beschloss nun, auf den Rest der Welt zu verzichten. Der Aufstieg Europas konnte erfolgen.
Noch zwischen 1404 und 1407 ließ der Kaiser Zhu Di 1681 Schiffe neu bauen oder überholen. Und doch, was so großartig begonnen wurde, endete jäh: Als die Portugiesen und andere Europäer zum Ende des Jahrhunderts in den Indischen Ozean eindrangen, war von Chinas Seemacht schon nichts mehr zu sehen. 1424 starb der Kaiser; seine Nachfolger verloren das Interesse an der Schifffahrt. 1500 wurde gar der Bau von Schiffen mit mehr als zwei Masten zum Kapitalverbrechen erklärt und 1525 die Zerstörung aller hochseetauglichen Fahrzeuge angeordnet. Und die Küste auf 30 Meilen geräumt...
Spanier und Portugiesen, dann an das Vereinte Königreich. Die größte Weltmacht der Erde entstand. Beerbt wurde sie erst jüngst, von den USA.
Gut: ein paar Vorbedingungen gab es für den Erfolg des Kolumbus. Immerhin die Renaissance, die Europa erst einmal aus der Dunkelheit des Mittelalters befreite, zumindest in Italien. Aber die wichtigen Punkte der Erde lagen bis dato weit im Osten: in Byzanz, in Bagdad und Damaskus, im sagenhaften Indien oder in China: Bejing.
1492. Die Erde wurde rund und Europa konnte der Mittelpunkt werden, der alles beherrscht. Die Europäer beherrschten alles. Die US-Amerikaner sind letztlich auch Europäer. Aus dieser Sicht erscheint die russische Revolution als ein innereuropäisches Ereignis. Sie signalisiert ein mögliches Ende des Kapitalismus – allerdings nicht ein Ende der Neuzeit: Im Gegenteil: die russische Revolution sieht sich als Vollender der Revolutionen schlechthin: Die Proletarische erscheint als bürgerliche und deren Überwindung zugleich. Die Weltrevolution sollte am Atlantik gesiegt haben. Leider endete sie vor Warschau. Aber diese russische Revolution hatte unbewusst einen Doppelcharakter.
Ein heute unbekanntes und ungewürdigtes Datum: Der 2.September1920.
Im russischen Baku beginnt der Kongress der Völker des Ostens (bis 8.9.). Teilnehmer sind 1800 Delegierte aus verschiedenen asiatischen Ländern. Ergebnis ist die Gründung eines revolutionären Aktionsausschusses, der unter Kontrolle der kommunistischen Internationale (Kommintern) arbeiten soll. Grigori J. Sinowjew – Vorsitzender des Exekutivkomitees der Kommintern – ruft die asiatischen Völker zur sozialen und nationalen Befreiung auf.
1921 wird die KPChinas gegründet. Ich könnte jetzt eine Reihe von Daten nennen und Namen nennen: Sun Yatsen zum Beispiel oder auch Ata Türk. Und noch ein Datum:
1927 Der Kongress in Brüssel
Willi Münzenberg hatte eine beachtliche Anzahl illustrer Persönlichkeiten aus aller Welt zusammengebracht, als der „Erste Kongress gegen Koloniale Unterdrückung und Imperialismus“ schließlich am 10. Februar 1927 in Brüssel feierlich eröffnet wurde.
Hinduprinzen, Generäle der Kuomin-tang, Führer asiatischer Freiheitsbewegungen und Gewerkschaftsfunktionäre aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Ozeanien trafen sich hier zum ersten mal mit Politikern, Intellektuellen und Künstlern aus dem liberalen, sozialistischen und kommunistischen Lager Europas und Amerikas. Romain Rolland, George Lansbury, Upton Sinclair, Albert Einstein (in Abwesenheit), Henri Barbusse, Mme. Sun Yat-sen, Diego Rivera, Jawaharlal D. Nehru und Maxim Gorki (ebenfalls in Abwesenheit) ließen sich zu Mitgliedern des Generalrats wählen. 
 Mahatma Gandhi telegraphierte: „Ich bedaure, daß meine Arbeit hier in Indien mich daran hindert, an dem Kongreß teilzunehmen. Ich wünsche Ihnen jedoch aus tiefstem Herzen einen jeden Erfolg bei Ihren Verhandlungen.“
Von den damals noch weniger bekannten Teilnehmern soll hier nur noch der Zulu Josiah Tshangana Gumede erwähnt werden, Mitbegründer und Präsident des African National Congress (ANC), ferner der Kommunist Lamine Senghor aus Senegal, ein naher Verwandter des Dichters und späteren ersten Staatspräsidenten seines Heimatlands, Leopold S. Senghor, der Schriftsteller Ernst Toller, der spanische Romancier Ramón del Valle Inclán, Manuel Ugarte, ein ehemaliger argentinischer Senator und einer der bedeutendsten Schriftsteller Lateinamerikas, der Journalist und spätere belgische Außenminister Paul Henri Spaak, der Orientalist Karl August Wittfogel und der Sozialwissenschaftler Fritz Sternberg.
Doppelcharakter, so nenne ich das Merkmal der russischen Revolution. So tot die eine Seite ist, vielleicht ist heute die andere Seite dieser Revolution lebendiger denn je. Chruschtschow wird später versuchen lassen, eine Theorie der drei revolutionären Bewegungen zu erfinden:
- das sozialistische Lager
- die Arbeiterbewegung in den westl. Staaten
- die Befreiungsbewegungen
Wenn, wie wir ja erlebt haben, das sozialistische Lager erledigt ist und die Arbeiterbewegung in Hinsicht auf die ihr unsererseits damals unterstellten Ziele ausgefallen ist, so lässt sich das so nicht von der „anderen“ Welt sagen, die wir einst die dritte Welt zu nennen pflegen. Im Gegenteil. So oder so bestimmen deren Länder das heutige Bild der Erde. Und was Hunnigton den Clash of Zivilation nannte findet tatsächlich statt. Die Frage ist nun, ob die deutsche Übersetzung des Wortes Clash als Crash, als Kampf hinreicht. Die Frage lautet: Kann eine Erde mehrere Zivilisationen gleichberechtigt tragen? Können sie friedlich koexsistieren?
Und was heißt das konkret? Wenn nicht:

IV. Hamletmaschine

Heiner Müller: Hamletmaschine UA 30.01.1977, Théâtre Gérard Philipe, Saint-Denis (Frankreich), Regie: Jean Jourdheuil.


Ich habe diesen Text als Samistat in den 70zigern gelesen. Das Stück beginnt so:
„Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein, Mörder und Witwe ein Paar, im Stechschritt hinter dem Sarg des Hohen Kadavers die Räte, heulend in schlecht bezahlter Trauer. „
Und es endet wie folgt:
„5 Wildharrend
In der furchtbaren Rüstung
Jahrtausende Tiefsee.  
Ophelia im Rollstuhl. Frische Trümmer Leichen und Leichenteile treiben vorbei.
Ophelia während zwei Männer im Arztkittel sie und den Rollstuhl von unten nach oben in Mullbinden schnüren:
Hier spricht Elektra. Im Herzen der Finsternis. Unter der Sonne der Folter. An die Metropolen der Welt. Im Namen der Opfer. Ich stoße allen Samen aus, den ich empfangen habe. Ich
verwandle die Milch meiner Brüste in tödliches Gift. Ich nehme die Welt zurück, die ich geboren habe. Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln. Ich begrabe sie in meiner Scham. Nieder mit dem Glück der Unterwerfung. Es lebe der Hass, die Verachtung, der Aufstand, der Tod. Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen.
Männer ab. Ophelia bleibt auf der Bühne, reglos in der weißen Verpackung.“

V. Der Konflikt

Was Heiner Müller vor mehr als 40 Jahren sieht, ist der Konflikt, auf den die Geschichte Europas, der Europäer, genauer der weißen und zumeist germanischen Europäer hin steuert. Stehen wir baldigst mit dem Rücken vor den Ruinen Europas? Wenn es nach AFD, PEGIDA, Le Pen und anderen geht, stehen wir kurz davor. Der Clash wird Crash, die Flüchtlinge sind die Vorhut, die Kinder dieser die Avantgarde. Die Frage ist für mich nicht die, ob sie Recht haben oder nicht. Die Antwort kann nur nachdem geben werden.
Die Frage steht für mich, ob und wie sich dieser negative Ausgang des Dramas vermeiden lässt.
Deshalb komme ich jetzt auf Fukuyama zurück mit seiner These vom Ende der Geschichte. Unter Linken wurde diese These zumeist gleichgesetzt mit einer Interpretation, Fukuyama habe gesagt, der Kapitalismus sei das Ende der Geschichte. Im Grunde ein Hegelianer wie ja Marx auch stünde ja hier nur ein Streit darum, ob denn nun der Kommunismus oder der Kap. das Ende, also die Synthese, die Erfüllung der Geschichte sei. Der Weltgeist, der zu sich kommt schaut ihr auch in der marxistischen Spielart durch alle Ritze. Nehmen wir aber die Geschichte Europas und seiner 500Jährigen Weltherrschaft nur als einen Teil, dann ist ein Ende weniger eine Götterdämmerung, sondern vielleicht auch ein Anfang. Zivilisationen gehen nämlich in Wirklichkeit nicht unter. Sie verwandeln sich ab und an in unterirdische Ströme, die oft erst nach langen Zeiträumen wieder an die Oberfläche treten. Die Geschichte kennt schwarze Löcher und sie kennt Weltuntergänge. Und Kontinuitäten. Damals, während des Jugoslawienkrieges bemerkte ich zufällig, dass die Linie der Kampfhandlungen so ziemlich genau der Grenze des einstigen weströmischen und oströmischen Reiches entsprach. Die Grenzen der Zivilisationen sind ziemlich langlebig. Sie verschieben sich kaum. Das lässt hoffen, zumindest dann, wenn wir uns bewusst werden, das wir uns als Gleiche unter Gleichen anerkennen müssen, was allerdings eine westliche, genauer amerikanische Erfindung ist, die genau der Westen immer wieder zugleich propagiert und zerstört hat.
Und damit sind wir wieder bei der Zerstörung Europas. Die von Heiner Müller erwähnten Fleischermesser haben ihre eigene politische und literarische Geschichte. Im Arturo Ui von Berthold Brecht, dem Hitler-Stück, das ja nicht etwa in Deutschland sondern in Amerika spielt...Es sind die Bilder der Messer von SA und SS, die sich aufmachen die weiße Zivilisation zu retten: gegen Juden, Bolschewisten und wen auch immer. Und die sie genau damit selbst zerstören. Und das – und nichts anderes ist der wirkliche Grund, dass ich keine Gemeinsamkeit haben kann mit den Zivilisationsrettern der Montage. Was mich aber nicht blind macht gegenüber den Gefährdungen durch islamische- und andere Kreuzzügler.
Der Marxismus begann mit Religionskritik. Aus gutem Grunde. Noch immer ist Religion der Schrei der bedrängten Kreatur. Eines sollten wir wirklich verteidigen. Die Vernunft. Den Laizismus. Den klugen Atheismus. Es gilt schon, zu sagen. Seit durchaus willkommen. Hier ist Europa. Wir haben keine Lust auf Ruinen aus denen ihr flieht. Und ihr doch auch nicht. Oder?

VI. Vom Leser fortzusetzen

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Redaktionell bearbeitet: R. Heinrich